Darf ich mein Kind vegan ernähren? Interview mit einer Expertin

Ob man Kinder vegan ernähren soll/darf oder nicht – darüber wird in den Medien sehr unterschiedlich berichtet – und es gibt auch sehr fixe Meinungen. Grundsätzlich raten die meisten Kinderärzte und Mütterberatungen davon ab. Und doch: ich kenne einige Mütter, die sich bereits in der Schwangerschaft vegan ernährt haben und auch ihre Kinder vegan ernähren. Und es geht. Es geht sogar sehr gut, wenn man sich damit befasst und bei der Ernährung auf einige Tipps achtet. Ich habe mit Anna – einer Mama von 4 Kindern, Veganerin und veganen Ernährungsberaterin gesprochen. Sie zeigt auf, worauf man achten sollte und wie eine pflanzenbasierte Lebensweise für die Familie möglich ist.

Wenn du mehr zur vegetarischen Ernährung von Babies und Kindern, zu den vegetarischen Eiweissquellen oder Eisenquellen erfahren willst, klick auf diesen Beitrag, der umfassend alles beschreibt.

 

Liebe Anna, danke, dass du dir die Zeit nimmst, mir meine Fragen zu beantworten!

Sehr gerne! Ich freue mich, dass du auch über die vegane Kinderernährung berichtest. Dieses Thema ist noch nicht wirklich in der Mitte der Gesellschaft angekommen und bringt viele Fragen und Unsicherheiten mit sich. Danke, dass du dabei an mich gedacht hast!

Wenn ich mein Kind vegan ernähren möchte, worauf muss ich besonders achten (Eiweiss, Eisen, Vitamin B12)?

Für alle vegan lebenden Menschen, also Erwachsene wie Kinder gelten zehn Nährstoffe als potentiell kritisch. Doch nur das Vitamin B12 muss zwingend und Vitamin D zumindest halbjährlich von Oktober bis März über ein Supplement zugeführt werden. Alle anderen Nährstoffe lassen sich über eine vollwertig und ausgewogene, geschickt kombinierte Ernährung abdecken. Für eine bessere Eisenaufnahme empfiehlt es sich, eisenreiche Speisen in Verbindung mit Vitamin C zu essen. Zum Beispiel Vollkornbrot und Orangensaft oder Vollkornreis mit Paprika. Der Proteinbedarf lässt sich durch eine abwechslungsreiche Ernährung spielend leicht abdecken. Isst das Kind beispielsweise Haferflocken zum Frühstück, Quinoa zu Mittag, ein paar Nüsse als Snack und Vollkornbrot am Abend nimmt sich der Organismus alle essentiellen Aminosäuren (Bausteine des Protein) die benötigt werden aus den einzelnen Eiweißquellen. Bei ausreichender Kalorienzufuhr und abwechslungsreicher Kost ist es fast unmöglich zu wenig Protein zu sich zu nehmen. Jod lässt sich wunderbar über Algen abdecken, Omega-3-Fettsäuren, besonders die im Kindesalter wichtigen Fettsäuren EPA und DHA über Mikroalgenöl, Calcium durch angereicherte Pflanzendrinks und calciumreiches Mineralwasser usw… 

 

Wichtig ist ja, dass sich Eltern gut informieren und auf eine ausgewogene Ernährung achten. Dann kann auch keine Mangelernährung passieren. Begleitest du Familien auf dem Weg dazu?

Ganz genau! Viele Familien die auf mich zukommen möchten ihre Ernährung auf vegan umstellen oder leben bereits vegan und stehen nun vor der Herausforderung ihr Baby ebenfalls rein pflanzlich ernähren zu wollen. In meiner Beratung zeige ich, auf welche Nährstoffe es besonders ankommt und in welchen Lebensmitteln sie zu finden sind. Hauptsächlich findet das Gespräch am Telefon oder per Videokonferenz statt, da es vielerorts keine Ernährungsberater gibt die sich mit dem Thema auskennen. Die Beratung passe ich der jeweiligen Ausgangssituation der Familien an. Im Anschluss erhalten meine Kunden die wichtigsten Infos per E-Mail zum Ausdrucken wie zum Beispiel die Erbsenzähler-Nährstoffübersicht, einen Beikostplan und Rezepte. 

Wichtig ist einfach ein Verständnis für die vollwertige, ausgewogene, pflanzliche Ernährung zu bekommen. Stellt man seine Essgewohnheiten darauf um, stellen die potentiell kritischen Nährstoffe kein Problem dar!

Welche Lebensmittel sind besonders wichtig für kleine vegan ernährte Kinder? (Superfoods für Kids, tägliche 12 )

Wie schon erwähnt ist der einzige Nährstoff welcher sich nicht über die pflanzliche Ernährung abdecken lässt das Vitamin B12. Dort sollte bei Stillbabys ab Geburt und bei Babys, die mit Säuglingsnahrung großgezogen werden, ab Beikoststart zwingend ein Supplement in Tropfenform gegeben werden. Darüber sollten wirklich alle Eltern, die ihr Baby vegan ernähren möchten, gut informiert sein! Ein unbemerkter Vitamin B12-Mangel kann irreversible Schäden anrichten. Babys und Kinder laufen viel schneller Gefahr, einen Mangel zu bekommen, da sie anders als viele Erwachsenen noch über keinen gut gefüllten Speicher verfügen. Den Tieren in der Massentierhaltung wird es übrigens ins Futter gegeben. Die Supplementierung erfolgt demnach bei Mischköstlern über den Umweg Tier. 

 

Omega-3-Fettsäuren sind ebenfalls im Baby- und Kindesalter besonders hervorzuheben. Der Körper ist in der Lage aus zugeführtem Omega-3 wie es zum Beispiel in Leinöl vorkommt in die Fettsäuten EPA und DHA umzuwandeln. Diese sind besonders wichtig für eine gesunde Entwicklung von Gehirn, Augen und Herzfunktion. Da die Umwandlung jedoch nicht bei jedem Menschen gleich gut funktioniert und abhängig von Ernährungsweise und individueller Umwandlungsrate ist, empfiehlt es sich ein Mikroalgenöl mit EPA und DHA in die Ernährung einzubauen. Bestimmte Algen besitzen diese Fettsäuren bereits und sind somit über ein solches Öl ein natürlicher Lieferant. Sie sind übrigens auch der Grund warum fette Meeresfische über die genannten Fettsäuren verfügen. Sie essen Algen. Wer als Mischköstler nur wenig fetten Meeresfisch isst, sollte ebenfalls über eine Einnahme von Mikroalgenöl nachdenken. Ist im Körper zu wenig Omega-3 bzw. zu viel Omega-6 vorhanden begünstigt das Entzündungsprozesse und daraus folgende Erkrankungen. Ein interessantes Thema, das hier in voller Breite den Rahmen sprengen würde. 

Vitamin D wird standardmäßig im ersten Lebensjahr empfohlen und sollte darüber hinaus mindestens von Oktober bis März gegeben werden. Ich empfehle eine Zusätzliche Gabe von Vitamin K2. 

Besondere Superfoods im Sinne von überteuerten Pülverchen oder Früchten und Samen aus Übersee brauchen Kinder nicht. Ein Superfood beschreibt ein Lebensmittel mit besonders hoher Nährstoffdichte oder besonders günstiger Zusammensetzung von Vitaminen, Fettsäuren, Mineralstoffen usw. Diese Lebensmittel in die Kinderernährung zu integrieren macht natürlich Sinn. Dazu zählen zum Beispiel Leinsamen, Blaubeeren, Wildkräuter, Sprossen oder Grünkohl. 

 

Was ist ein guter Milchersatz für Kinder, die vegan ernährt werden? Viele Kinder möchten am Abend zum Beispiel eine Milchflasche (sofern sie nicht mehr gestillt werden)?

Im ersten Lebensjahr sollten Babys als Muttermilchersatz eine Säuglingsnahrung bekommen. Es gibt vegane Säuglingsnahrung von verschiedenen Anbietern die sich dafür eignet. 

Natürlich können Breie mit Pflanzenmilch zubereitet werden. Eine Flasche mit Pflanzenmilch die als Mahlzeit gilt, wäre vor dem ersten Geburtstag jedoch zu Nährstoffarm. 

Im zweiten Lebensjahr eigen sich alle Sorten von Soja- über Hafer-, bis zu Mandelmilch. Da darf sich gern über die gesamte Produktpalette ausgetobt werden. Optimal wäre eine mit Calcium angereicherte Variante zu wählen, die zudem zuckerfrei ist. 

Ab wann dürfen kleine Kinder eigentlich Tofu essen? Ich habe mal gelesen, zu viel sei nicht gesund? Und wie ist es mit anderem Fleischersatz aus Weizen- oder Erbsenprotein?

Tofu darf gern ab der Beikost gegeben werden. Leider hat Soja dank einiger schlecht recherchierter Medienbeiträge und Labortests die nicht auf den Menschen übertragbar sind ein schlechtes Image. Dabei bietet die Bohne viele gesundheitliche Vorteile wie ein sehr gutes Aminosäureprofil und ist dem Fleisch im Bezug auf Proteine gleichzusetzten. Natürlich sollten Eltern auch hier darauf achten Abwechslung in den Speiseplan ihres Kindes zu bringen. Genauso wenig wie ich täglich nur Brokkoli als Gemüse empfehlen würde, empfehle ich auch nicht Soja als einzige Proteinquelle. Die bunte Mischung macht´s und 3-4 Portionen Sojaprodukte in der Woche sind absolut unbedenklich. Wahrscheinlich wäre ein täglicher Konsum ebenfalls unproblematisch. 

Etwas kritischer sehe ich den Konsum von Fleischersatzprodukten. Diese sind sehr häufig viel zu salzhaltig und enthalten gesättigte Fettsäuren. Insgesamt sind sie hochverarbeitet und liefern dadurch wenig Nährstoffe bei vielen Kalorien. Klar darf auch ein Erbsenproteinschnitzel oder dergleichen mal auf dem Teller landen, es sollte aber etwas Besonderes sein. Es gibt dazu sehr viele Rezepte wie man aus einfachen Zutaten köstliche Gemüseschnitzel oder Burgerpatties ganz einfach selbst herstellen kann. Da weiß man auch was drin steckt. Und wenn die Kids beim Zubereiten helfen dürfen schmeckt es gleich doppelt so gut. 

 

Gibt es sonstige Lebensmittel, die ein Kind ab 1 in der Ernährung noch meiden sollte (vegan oder vegetarisch)?

Natürliche Lebensmittel sollten verarbeiteten Produkten immer vorgezogen werden. Im Grunde können Eltern sich merken, dass Produkte die extra für Kinder gemacht wurden in der Regel ungesund sind, da sie viel Zucker und/oder ungesunde Fette und gleichzeitig wenig Nährstoffe enthalten. Eigentlich kann man sagen, dass alle Lebensmittel für die Werbung gemacht wird grundsätzlich eher ungesünder sind. 

Habe ich etwas Wichtiges vergessen?

Ich denke über die Wichtigsten Dinge haben wir gesprochen. Was mir noch ein Anliegen wäre, den Eltern mit auf den Weg zu geben, dass eine vegane Ernährung in jedem Alter sehr gut möglich und unkompliziert machbar ist. Wer seinem Kind eine vollwertige, pflanzliche Ernährung ermöglicht, setzt beste Voraussetzungen für ein gesundes Leben. Die eigene Gesundheit und das Wissen, dass die vegane Ernährung ohne Tierleid einhergeht und die ökologisch beste Wahl für unsere Erde ist, ist meiner Meinung nach das Wertvollste was ich meinen Kindern mitgeben kann. 

 

Liebe Anna, herzlichen Dank für die Zeit, die du dir genommen hast und die

Antworten.

 

 

Anna ist Mutter von 4 Kindern und lebt seit 2015 vegan. Wenn du mehr über Anna und ihre Beratung wissen möchtest, dann findest du sie hier: www.erbsenzaehler.net

 

 

 

Bildquellen: Erbsenzaehler.net

Mehr Informationen:

 

 

 

 

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